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Taiwanstraßen-Strategeme und Putins Ukraine-Invasion

Sich im Licht verstecken, um das Meer zu überqueren

Obwohl Russland rund 150 000 Soldaten und schweres Militärgerät über Monate an den Grenzen zur Ukraine massierte, „hoffte“ Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, von Berufs wegen Russlandversteher, noch im Januar 2022 „sehr, dass man endlich auch das Säbelrasseln in der Ukraine wirklich einstellt“, denn Russland plane keine Invasion.

Frank-Walter Steinmeier, zusammen mit Schröder und Merkel Architekt der deutschen Russlandpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte („Modernisierungspartnerschaft“, Nordstream I und II,  „Petersburger Dialog“, „Normandie-Format“) fand die Entwicklungen der deutsch-russischen Beziehungen seit der Ukraine-Krise 2014 wie nun auch den russischen Angriffskrieg: besorgniserregend.

Warnungen, etwa vom mittlerweile verstorbenen US-Senator John McCain, wiesen führende SPD-Außenpolitiker empört zurück: McCain solle sich für seine Kritik an der Ukraine-Politik Merkels und Steinmeiers entschuldigen.

Deutsche Regierungspolitiker halfen, dass Putin seine Absichten bis zuletzt im Lichte verstecken konnte. Doch wie konnte er einen Truppenaufmarsch in Gang setzen und der Ukraine in Reden und historisierenden Essays wiederholt das Existenzrecht absprechen, und dabei bis zuletzt eine kritische Masse der deutschen Politik und Öffentlichkeit über seine wahren Absichten täuschen?

Das ging, weil Putin meisterhaft in der Anwendung des ersten Strategems „Den Himmel hintergehen“ (瞞天過海, mán tiān guò hǎi) war. Dieses Strategem handelt davon, etwas gerade dadurch zu verheimlichen, indem man es zu offensichtlich macht. Oder indem man den Gegner so lange durch Fehlalarme abstumpft, bis er nicht mehr aufpasst. Der Ukraine kann man Abgestumpftheit nicht vorwerfen. Den deutschen Russlandpolitikern schon. Welche Lehren hält Russlands Ukraine-Invasion für Taiwan bereit, dessen politisches Existenzrecht von China bestritten wird?

Für Aufmerksamkeit sorgten Chinas Aggressionen auch bei den deutschen Regierungsparteien. In der Serie Taiwanstraßen-Strategeme auf Asienpolitik.de wird noch von internationalen strategischen Wechselwirkungen im Taiwan-Konflikt die Rede sein. Dieser Taiwanstraßen-Beitrag ordnet die chinesischen Militärflügen strategemisch ein. Wie verhält, wie sollte sich Taiwan verhalten?

Taiwan – die Ukraine Ostasiens?

China baut seit Jahren eine Drohkulisse gegenüber Taiwan auf. Zwar gibt es keinen Truppenaufmarsch an der Grenze, denn Taiwan ist eine Insel. Allerdings kündigen seit Herbst 2020 regelmäßige Militärflüge in die Luftüberwachungszone Taiwans Unheil an. 2021 sind an 239 Tagen 961 Mal chinesische Militärflugzeuge in die Überwachungszone eingedrungen. Ist das nur eine Vorhut, die eine mögliche Invasion verschleiert?

Taiwan reagiert stets wie folgt: Flugzeuge der Luftwaffe steigen auf, es werden Funkwarnungen abgesetzt, und Luftabwehrraketen anvisieren die chinesischen Flugzeuge (offiziell heißt es „beobachten“).

Auch in Taiwan gibt es ein Äquivalent zum deutschen Russlandversteher. Viele zumeist konservative Politiker der älteren Generation sind davon überzeugt, dass die Provokationen eher von der von ihnen verhassten linksliberalen Regierung Taiwans und den USA ausgehen, die China in einen Hegemonialkonflikt drängen. Ebenso wie die Russlandversteher geben diese sich gerne wissend. Man sollte also auf der Hut sein.

Seit langem twittert das taiwanische Verteidigungsministerium diese Grafiken, hier vom 19. März 2022

Ist Taiwan in einer ähnlichen Situation wie die Ukraine? Das Schicksal der Ukraine jedenfalls bewegt auch das ferne Taiwan, das Tonnen von Hilfsgütern und Millionen-Spenden an die Ukraine schickt. Hunderte von Demonstranten protestierten gegen Putin und den Krieg. Die Präsidentin Taiwans, Tsai Yingwen (蔡英文) sagte  gegenüber einer vom US-Präsidenten Biden gesendeten Besuchsdelegation, dass Ignoranz gegenüber Aggression nur die Bedrohung verschlimmere, und das „jetzt die Zeit (ist) für alle Demokratien der Welt zusammen zu stehen“. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine haben die USA in der Taiwanstraße ihre Aktivitäten erhöht, damit China bloß nicht auf dumme Gedanken kommt.

Allerdings befürchten viele taiwanische Experten und Politiker angesichts des Schicksals der Ukraine, dass auch Taiwan militärisch auf sich selbst gestellt wäre, falls China seine Drohungen wahr machen würde. Deshalb ist Russlands Ukraine-Invasion auch für Taiwan ein wake-up-call. Das Land rüstet stark auf.

Strategemata IV,8 (Eine Armee durch Feindesgebiet führen)

Eine der ältesten antiken Sammlungen von Kriegslisten aus dem alten Griechenland und Rom ist die von Sextus Iulius Frontinus, der sein Werk Strategematicon libri iii im ersten Jahrhundert nach Chr. verfasste. Deshalb nennen wir Kriegslisten auch Strategeme. Diese versuchen, einen Fehler auf der anderen Seite zu provozieren und auszunutzen. Dies unterscheidet sie von einer Strategie, die ein vollständiger Verhaltensplan ist (Christian Rieck, Die 36 Strategeme der Krise, 2020: 10).

Das folgende Strategem dürfte uns an die chinesischen Flugübungen erinnern. Gnaeus Pompeius Magnus (29. September 106 v.Chr., † 28. September 48 vor. Chr.) war ein römischer Politiker und Feldherr und Gegenspieler Gaius Iulius Caesars. Bis zu seiner Niederlage gegen Caesar galt er als der brillanteste Heerführer seiner Zeit. In den Strategemata IV,8 wurde Gnaeus von feindlichen Truppen am andern Ende des Flusses vom Überqueren desselben abgehalten. Er führte dann seine Truppen wiederholt aus seinem Feldlager heraus und wieder zurück. Als die feindlichen Truppen es schließlich an Aufmerksamkeit missen ließen, nutzte Gnaeus die Gunst der Stunde und setzte über den Fluss.

Den Himmel hintergehen (瞞天過海, mán tiān guò hǎi)

Das erste Strategem der 36 Strategeme aus dem alten China, eines der wichtigsten Strategeme überhaupt, lässt sich ebenfalls gut für unseren Fall verwenden. Das geheime Buch der Kriegskunst Sanshiliuji Miben Bingfa (三十六計密本兵法) stammt aus der Ming-Zeit (1368-1644) und liefert die strategische Grundlage für die Taiwanstraßen-Strategeme in diesem Blog. Harro Senger übersetzt wie folgt (Senger, Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden, 2001: 60)

Den Kaiser täuschen, indem man ihn in ein Haus am Meeresgrund einlädt, das in Wirklichkeit ein verkleidetes Schiff ist, und ihn so dazu veranlassen, das Meer zu überqueren.

Das Strategem der Zieltarnung, Signalfälschung, Kursverschleierung oder auch Tarnkappen-Strategem passt sowohl auf Putins Aufmarsch an der Grenze der Ukraine, als auch auf Chinas wiederkehrende Flüge in die taiwanische Flugüberwachungs-zone.

Gemäß des Originals des Strategems könnte man unterstellen, die chinesische Generalität überliste einen zögernden Präsidenten Xi Jinping, um heimlich über die Taiwanstraße zu setzen und Taiwan endlich anzugreifen. Allerdings passt hier die zweite Interpretation aufgrund der fortwährenden Flüge besser. China versteckt sich im Lichte, um den Himmel (Taiwan) zu hintergehen – so, wie wir es auch von Frontinus und seinem Flussübergang kennen.

Wachsames Taiwan

Wie kann sich Taiwan gegen China und seine Einschüchterungsflüge wehren? Woran kann Taiwan erkennen, dass es ernst wird? Muss Taiwan befürchten, dass China wirklich Taiwan angreift, oder sollte es sich einfach „ausruhen“? Die zwei wesentlichen Antworten auf diese strategische Herausforderung, die eine dauerhafte sein wird, sind

  • immer wachsam bleiben
  • verteidigungsbereit bleiben
Taiwan bleibt wachsam, reagiert aber zu berechenbar. Taiwans Standardreaktion ist unter 四 , auf Englisch

Taiwan muss stets wachsam bleiben und in seine Verteidigungsbereitschaft investieren.

Die Regierung muss politische Debatten im Keim ersticken, die gegen diese Strategie gerichtet ist („China-Versteher“) und sich vor chinesischen Infiltrationen und Manipulationen in acht nehmen. Korrumpierbare Politiker wie Schröder gibt es nicht nur in Deutschland. Die Regierung muss sich vor Oppositionspolitikern, die vor einem taiwanischen Säbelrasseln warnen, in acht nehmen. Die Verkürzung der Wehrpflicht unter Chinaversteher und KMT-Präsident Ma Yingjeou ( 馬英九) (2008-2016) auf nur vier Monate sowie die zu geringen Rüstungsausgaben erinnern sehr an die deutsche Verteidigungspolitik.

Graduelle Veränderungen immer im Blick haben

Taiwan darf auch in Zukunft keine Kosten und Mühen scheuen, in Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft zu investieren, denn es wird ein Marathonlauf. China ist bewusst, dass die wesentlich kleinere Luftwaffe Taiwans leichter abgenutzt wird als die chinesische.

Taiwan hat 400 weitere Javelin Schulterraketen von den USA bestellt. Diese bereiten den russischen Panzern in der Ukraine sensational experiences: Eine Waffe ideal für asymmetrische Kriegsführung gegen einen Aggressor

Die  Regierung muss insbesondere sensibel bleiben für graduelle Veränderungen wie den Ausbau chinesischer Luftbasen und Militärhäfen auf dem gegenüberliegenden Festland. Vielleicht kommen noch an weiteren 1000, 2000 Tagen Flüge. Aber: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Auch die Klimakrise entwickelt sich sehr langsam, deshalb bietet sie Angriffsflächen für alle möglichen Interessengruppen. Bis irgendwann einmal der Kipppunkt erreicht ist.

Es besteht immer die Gefahr, dass zum Beispiel die Wirtschaftslobby eine kürzere Wehrpflicht fordert, um in einem demographisch schrumpfenden und alternden Umfeld das Angebot an Arbeitskräften auszuweiten. Oh – die hat sie ja bereits bekommen.

Flexibler reagieren und vorausschauend am Vorteil arbeiten

Taiwan darf durch nachlässiges Verhalten Kaiser Xi nicht übers Meer locken, denn dies könnte den Point of no Return bedeuten. Und auch in der ursprünglichen Interpretation des Strategems könnte es sein, dass ein nachlässiges Taiwan den Druck der Volksbefreiungsarmee auf eine noch zögernde Politik erhöht, endlich zuzuschlagen.

Allerdings reagiert Taiwan – zumindest wenn man den Meldungen Glauben schenkt – stets gleichbleibend auf die Flüge. Taiwan sollte flexibler reagieren und seinerseits versuchen, der chinesischen Luftwaffe Rätsel aufzugeben. Denn auch in China könnte Nachlässigkeit dazu führen, Risiken einzugehen. Wie wusste schon der preußische Generalmajor von Clausewitz:

Der Krieg ist das Gebiet des Zufalls. In keiner menschlichen Tätigkeit muss diesem Fremdling ein solcher Spielraum gelassen werden, weil keine so nach allen Seiten hin beständigem Kontakt mit ihm ist.

Zufall strategisch erzeugen

Taiwan sollte in seinen Reaktionen also dem Zufall mehr Beachtung schenken um damit das Überraschungsmoment auf seiner Seite zu haben. Warum nicht den Spieß einmal umdrehen? Falls China das konkrete Interesse hat, Taiwan anzugreifen, dann wäre es für Taiwan besser, jetzt angegriffen zu werden. Denn (H)at A das Interesse seinen Gegner nicht jetzt, sondern vier Wochen später anzugreifen, so hat B das Interesse, nicht vier Wochen später, sondern jetzt von ihm angegriffen zu werden“ (Clausewitz, Vom Kriege, S. 20). Es besteht also guter Grund anzunehmen, dass China daran interessiert ist, eine Eskalation auszuschließen. Denn derzeit sieht es sich noch in einem Nachteil. Taiwan könnte also riskanter agieren (ohne gleich gegnerische Flugzeuge anzugreifen).

Auch mit Helikoptern ist China unterwegs in die taiwanische Flugüberwachungszone. Javelin-Schulterraketen sind der natürliche Feind im Ukraine-Krieg für Helikopter.

China sieht sich derzeit nicht in der Lage, einen Kampf um Taiwan zu gewinnen. Strategemisch betrachtet befindet sich Taiwan also im Vorteil. Der kriegerische Akt Chinas hält inne, weil die Überlegenheit der Verteidigung „sehr groß und viel größer ist, als man sich beim ersten Anblick denkt, so erklärt sich daraus ein sehr großer Teil der Stillstandsperioden, welche in Kriege vorkommen, ohne dass man genötigt ist, dabei auf einen inneren Widerspruch zu schließen“ (Clausewitz, ebda.). Die Ukraine sendet gerade mit ihrer Verteidigungsmoral schöne Grüße nach China. Clausewitz betonte, das Moral Kampfkraft ausgleichen kann. Eine Invasion über die Taiwanstraße ist noch riskanter als Putins Ukraine-Krieg.

Taiwanstraßen-Strategeme: Schlussbetrachtung

Taiwan hat bisher auf die Eindringlinge vom Festland stets gleichbleibend reagiert, ist also stets wachsam. Es hat, anders als Pompeius‘ Gegner am anderen Ufers des Flusses, nicht nachgelassen. Der Himmel wurde noch nicht hintergangen. Taiwan befindet sich immer noch in einem militärischen Vorteil, folgen wir Clausewitz‘ Logik. Dass Taiwan große Anstrengungen in die asymmetrische Kriegsführung steckt spricht dafür, dass Taiwan an diesem Vorteil weiter arbeitet und in seine Verteidigungsbereitschaft investiert. Die Risiken wurden erläutert, und wie Taiwan diesen begegnen muss, damit es nicht so nackt dasteht, wie die deutschen Russlandversteher und die deutsche Verteidigungsfähigkeit. Das kann sich Taiwan im Gegensatz zu Deutschland nämlich nicht leisten.

 

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