Norm Facilitation und Differentiated Convergence in der digitalen Governance
Wer bestimmt die Regeln der digitalen Welt? Meist richtet sich der Blick auf die Konkurrenz zwischen den USA, China und der Europäischen Union. Dabei wird leicht übersehen, dass auch ostasiatische Staaten eigene Vorstellungen von Datenschutz, künstlicher Intelligenz, grenzüberschreitenden Datenflüssen und der Plattformregulierung entwickeln. Die internationale digitale Ordnung entsteht deshalb nicht allein in Brüssel, Washington oder Peking. Sie wird zunehmend in Partnerschaften zwischen verschiedenen Regulierungszentren ausgehandelt.
Mein neuer Artikel „Differentiated Convergence: The EU as Norm Facilitator in East Asian Digital Governance“, erschienen im Journal of Common Market Studies, untersucht die Beziehungen der EU zu Japan, Südkorea, Singapur und Taiwan. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie europäische Normen in diesen Partnerschaften wirken und wie sie von den jeweiligen Partnern aufgenommen, verändert oder mit eigenen politischen Prioritäten verbunden werden.
EU Digital Governance jenseits des Brussels Effect
Die Ergebnisse gehen über die bekannte Vorstellung eines „Brussels Effect“ hinaus. Die EU überträgt ihre Regeln nicht einfach auf andere Weltregionen. Japan, Südkorea, Singapur und Taiwan sind keine passiven Empfänger europäischer Regulierung. Sie verfügen über eigene Institutionen, wirtschaftliche Interessen und politische Vorstellungen.
Gemeinsam ist ihnen jedoch das Interesse an verlässlichen Regeln für Datenschutz, künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur und internationale Datenflüsse. EU Digital Governance entsteht in diesen Beziehungen deshalb nicht durch einseitige Regelübertragung, sondern durch Verhandlungen, Anpassung und gemeinsame politische Initiativen.
Japan als globaler Digital Champion
Japan nimmt dabei eine besonders aktive Rolle ein. Das Land ist nicht nur ein enger Regulierungs- und Kooperationspartner der EU, sondern selbst ein „Digital Champion“, der internationale Prozesse anstößt.
Bereits mit dem Konzept „Data Free Flow with Trust“ brachte Japan die Verbindung offener Datenmärkte mit Vertrauen und Datenschutz auf die globale Agenda. Während seiner G7-Präsidentschaft 2023 leitete es zudem den Hiroshima AI Process ein. Daraus gingen internationale Leitlinien und ein Verhaltenskodex für Entwickler fortgeschrittener Systeme künstlicher Intelligenz hervor.
Die EU unterstützte diesen Prozess und brachte eigene regulatorische Erfahrungen ein. Die Richtung der Normübertragung verlief damit nicht nur von Brüssel nach Tokio. Japan schuf selbst einen politischen Rahmen, an den die EU anknüpfen konnte.
Gerade dies bezeichnet die Rolle der EU als „Norm Facilitator“: Sie setzt Normen nicht immer allein, sondern unterstützt auch Initiativen ihrer Partner, verbindet unterschiedliche Ansätze und trägt dazu bei, sie auf internationaler Ebene weiterzuentwickeln.
Südkorea, Singapur und Taiwan: unterschiedliche Wege
Südkorea verfügt ebenfalls über ein starkes eigenes Regulierungsmodell. Die Zusammenarbeit mit der EU wird hier durch die Bedeutung großer Technologieunternehmen sowie die Verbindung von Datenschutz, digitaler Industriepolitik und internationaler Wettbewerbsfähigkeit geprägt.
Singapur verfolgt einen stärker pragmatischen und wirtschaftsorientierten Ansatz. Im Vordergrund stehen die Anschlussfähigkeit unterschiedlicher Regelsysteme, ein möglichst reibungsloser Datenverkehr und flexible Standards für die digitale Wirtschaft. Die Annäherung an europäische Normen bedeutet daher keine Übernahme des europäischen Modells.
Taiwan verbindet digitale Governance besonders eng mit demokratischer Teilhabe, gesellschaftlicher Resilienz und nationaler Sicherheit. Digitale Offenheit soll erhalten bleiben, während zugleich auf Desinformation, Cyberangriffe und politischen Druck aus China reagiert werden muss. Taiwan ist damit nicht nur ein Sonderfall, sondern ein eigenständiger Partner, der wichtige Erfahrungen in die internationale Debatte einbringt.
EU Digital Governance als differenzierte Konvergenz
Es entsteht keine einheitliche digitale Ordnung, sondern eine „differenzierte Konvergenz“: Die Partner nähern sich in wichtigen Fragen an, ohne identische Regeln, Institutionen oder politische Modelle zu entwickeln.
Der Einfluss der EU beruht damit nicht allein auf ihrer Marktgröße. Er wächst dort, wo sie Initiativen ihrer Partner unterstützt, unterschiedliche Regulierungsansätze miteinander verbindet und ihre ostasiatischen Partner als eigenständige Mitgestalter digitaler Governance ernst nimmt.
EU Digital Governance ist in Ostasien daher kein europäisches Exportmodell. Sie entsteht in einem wechselseitigen Prozess, in dem Japan, Südkorea, Singapur und Taiwan selbst zur Entwicklung internationaler digitaler Regeln beitragen.
Biedermann, R. (2026) ‘ Differentiated Convergence: The EU as Norm Facilitator in East Asian Digital Governance’. JCMS: Journal of Common Market Studies. https://doi.org/10.1111/jcms.70137.

