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China in Zentral- und Osteuropa: reaktive Integration

Mein neuer Artikel „Sowing division, reaping cohesion? China’s Belt and Road Initiative in Central and Eastern Europe and the paradox of European reactive integration“https://doi.org/10.1080/23745118.2026.2716209 – ist am 25. August 2026 in European Politics and Society erschienen.

Der Ausgangspunkt ist ein Versprechen, das China selbst formuliert hat. Beijing erklärte bereits 2014, die Zusammenarbeit mit Mittel- und Osteuropa solle nicht nur die chinesisch-europäischen Beziehungen verbessern, sondern auch die Stabilität, Einheit und den Wohlstand der EU fördern. Der Artikel nimmt China hier bewusst beim Wort: Hat die Belt and Road Initiative in Mittel- und Osteuropa tatsächlich zu mehr europäischer Einheit beigetragen?

Die Antwort lautet überraschenderweise: ja – aber anders als von Beijing beabsichtigt.

Vier Tiers statt eines chinesischen Blocks

Die Analyse zeigt zunächst, dass China Mittel- und Osteuropa keineswegs als einen einheitlichen regionalen Block behandelt. Aus dem empirischen Material lassen sich vielmehr vier unterschiedliche Beziehungstypen – oder Tiers – rekonstruieren.

Tier 1 umfasst besonders enge Partner wie Ungarn und Serbien. Hier verwendet China außergewöhnlich starke Begriffe wie „iron-clad friendship“ oder „all-weather comprehensive strategic partnership“. Gleichzeitig ist die praktische Zusammenarbeit besonders sichtbar. Dennoch hat diese Nähe nur einen begrenzten Einfluss auf die EU.

Tier 2 umfasst selektive und funktionale Beziehungen, etwa zu Polen oder Slowenien. Tier 3 umfasst problematischere Beziehungen mit begrenzten Ergebnissen. Tier 4 bezeichnet schließlich weitgehend ausgehöhlte oder konfliktbeladene Beziehungen. Das deutlichste Beispiel ist Litauen. Das Tier-System ist dabei keine offizielle chinesische Klassifikation. Es wurde empirisch rekonstruiert aus der Kombination chinesischer diplomatischer Sprache, praktischer Zusammenarbeit und europäischer Reaktionen.

Offizielle Dokumente als Datenmaterial

Die Untersuchung basiert vor allem auf offiziellen chinesischen Dokumenten: Materialien des chinesischen Außenministeriums, Gipfelerklärungen, bilateralen Stellungnahmen, Memoranden sowie Dokumenten der China-CEEC Cooperation. Mehrere hundert Einträge wurden zunächst gesichtet und anschließend nach Ländern, Beziehungstypen und wiederkehrenden diplomatischen Formulierungen qualitativ ausgewertet.

Gerade diese Sprache macht die Hierarchie sichtbar. Beijing unterscheidet sehr genau zwischen „iron-clad friends“, strategischen Partnern, wichtigen Kooperationspartnern und Staaten, denen zunehmend eine „korrekte Wahrnehmung Chinas“ nahegelegt wird.

Reactive Integration: reaktive europäische Integration

Der zentrale Begriff des Artikels ist Reactive Integration – auf Deutsch am ehesten „reaktive Integration“ oder „Integration durch Gegenreaktion“.

China versuchte, über bilaterale Beziehungen, Infrastrukturprojekte und politische Partnerschaften Einfluss zu gewinnen. Doch gerade Probleme dieser Politik förderten häufig europäische Koordination: Investitionskontrolle, De-Risking, wirtschaftliche Sicherheit, das Global Gateway und Instrumente gegen wirtschaftlichen Zwang.

Besonders deutlich wurde dies im Konflikt mit Litauen. Chinesischer wirtschaftlicher und diplomatischer Druck isolierte Litauen nicht dauerhaft, sondern machte wirtschaftliche Abhängigkeit, Resilienz und die gemeinsame europäische Reaktionsfähigkeit zu EU-Themen.

Das Paradox

Damit entsteht der paradoxe Befund: Chinas engste Partnerschaften erzeugten viel Sichtbarkeit, aber nur wenig dauerhaften Einfluss auf die EU. Konflikte und Druck führten dagegen teilweise zu mehr europäischer Koordination.

China hat also tatsächlich zur europäischen Einheit beigetragen – nur nicht in der Weise, die Beijing ursprünglich im Sinn hatte. Aus dem Versuch selektiver Einflussnahme entstand teilweise mehr europäische Resilienz. Der Artikel beschreibt diesen Prozess als Reactive Integration: Integration nicht um China herum, sondern als Reaktion darauf.

Das zum Artikel produzierte kurze Video ist ebenfalls in diesen Blogbeitrag eingebunden und fasst die zentrale Argumentation noch einmal kompakt zusammen.

 

Der vollständige Artikel ist hier über einen kostenlosen Autorenlink verfügbar – solange das Kontingent der 50 freien Zugriffe reicht:

https://www.tandfonline.com/eprint/KM4JIQK5KQC963FCCFNH/full?target=10.1080/23745118.2026.2716209

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