Bekommt Taiwan eine Arktispolitik?
Taiwans jüngste Aktivitäten in der Arktis zeigen, wie ein diplomatisch begrenzter Akteur internationale Sichtbarkeit erlangen kann, ohne Anerkennung einzufordern. Für Taiwan ist die Region ein Ort, an dem Außenpolitik nicht über Status, sondern über Beiträge verhandelt wird.
Bis vor wenigen Jahren galt die Arktis für Taiwan weder politisch relevant noch strategisch anschlussfähig. Die Initiative für Kooperationen im hohen Norden kam daher nicht aus der Diplomatie, sondern aus der Forschung selbst. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler suchten Zugang zu Klima- und Meeresdaten, zu polaren Messinfrastrukturen sowie zu Netzwerken, die für ein besseres Verständnis globaler Veränderungen notwendig sind. Erst daraus entstand internationale Präsenz.
Chinas Polare Seidenstraße als Trigger
Politisch aufmerksam wurde Taiwan erst, als China 2018 seine Arktisstrategie veröffentlichte, als polare Seidenstraße vermarktete, und chinesische Unternehmen versuchten, über den Kauf von Infrastruktur und Land – etwa einer ehemaligen Militärbasis mit Landebahnen in Grönland – im hohen Norden Fuß zu fassen. Für Taiwans Diplomatie war dies kein Vorbild, sondern ein Hinweis darauf, die Region als geopolitisch sensible Wissens- und Sicherheitszone im Blick zu behalten.
Eine zentrale Rolle spielt das 2023 gegründete Taiwan Polar Institute in Zhongli. Die Einrichtung beschäftigt über hundert Forschende und bündelt Taiwans Kapazitäten in Meeres-, Atmosphären- und Satellitenforschung. 2024 veröffentlichte das Institut ein Taiwan Arctic White Paper, das Taiwan als „contributor and partner for Arctic sustainable development“ beschreibt und drei Prinzipien formuliert: „science-first“, „pragmatic engagement“ und „contribution-orientation“. Diese Orientierung erfolgt nicht aus symbolischem Ehrgeiz, sondern weil formale Anerkennung in der Arktis weder realistisch noch notwendig ist, solange wissenschaftliche Beiträge den Zugang ermöglichen.
Genau dieser Mechanismus wurde international sichtbar, als ein taiwanischer Forscher 2024 erstmals an einer arktischen Expedition an Bord des berühmten deutschen Forschungsschiffs Polarstern teilnahm.
Wertepartnerschaft gilt auch in der Arktis
In der europäischen Forschung entstand die Zusammenarbeit mit Taiwan nicht durch eine geplante Arktisstrategie, sondern als Folge veränderter globaler Rahmenbedingungen. Nachdem die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Russland abbrach und gleichzeitig eine wachsende Skepsis gegenüber einer zu großen Abhängigkeit von China entstand, gewannen demokratische Partner an Bedeutung. Taiwan profitiert nicht von politischer Bevorzugung, sondern davon, dass Kooperation unter diesen Bedingungen zuverlässige, technisch kompetente und regelgebundene Akteure erfordert.
Eine besondere Form symbolischer Präsenz entsteht jedoch nicht durch staatliche Repräsentation. Wissenschaftler führen taiwanische Flaggen und Symbole auf Geräten und Stationen mit, ohne dass dies von politischen Institutionen angeleitet wird. Sie zeigen, dass Taiwan an Orten forscht, die sonst kaum Zugang bieten.
Ein prägnantes Beispiel dafür war die Einlagerung indigener taiwanischer Hirsesamen im Global Seed Vault auf Spitzbergen im Jahr 2024. Die symbolische Bedeutung dieser Einlagerung ergibt sich daraus, dass Biodiversität, Ernährungssicherheit und Klimawandel globale Herausforderungen darstellen, in denen Taiwan Verantwortung übernehmen kann. Der Beitrag zeigt, dass Taiwan im Rahmen globaler Nachhaltigkeitsnormen handelt.
Keine klassische Machtpolitik
Taiwans Arktisengagement folgt damit einer Logik, die sich deutlich von klassischer Machtpolitik unterscheidet.
| Klassische Machtpolitik | Taiwan im Arktisraum |
|---|---|
| Anerkennung einfordern | Anerkennung verdienen |
| Raum kontrollieren | Wissen beitragen |
| Status verteidigen | Zugang durch Kooperation |
| Geopolitik als Druckmittel | Forschung als Öffnungsinstrument |
Taiwan nutzt die Arktis nicht als Bühne für geopolitische Rivalität. Zum entscheidenden Faktor wird Forschung, weil sie Zugang schafft, ohne politische Eskalation zu provozieren. Dieser Ansatz ist weder idealistisch noch defensiv. Er ist eine funktionale Antwort auf die strukturellen Bedingungen eines nicht anerkannten, aber technologisch leistungsfähigen Staates. Nicht Diplomatie schafft Handlungsspielraum, sondern die Bereitstellung globaler öffentlicher Güter.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob diese Form wissenschaftsbasierter Außenpolitik sich verstetigen lässt. Mit Blick auf das internationale Polarjahr 2032–33 eröffnen sich Möglichkeiten, über Satellitendaten, KI-gestützte maritime Sensorik und Kooperationen mit indigenen Gemeinschaften dauerhafte Schnittstellen zur globalen Arktisforschung zu schaffen. Dies geschieht nicht, um Arktispolitik zu imitieren, sondern weil internationale Präsenz für Taiwan nur dort realistisch bleibt, wo Nutzen entsteht.
Taiwans arktische Wissenschaftsdiplomatie: Artikel in East Asia
Taiwans Weg in die Arktis lässt sich daher in einem Satz zusammenfassen: Wer nicht eingeladen wird, verschafft sich einen Platz, indem er etwas bereitstellt, das andere brauchen – und in der Arktis ist das Wissen. Eine heute in East Asia erschienene Studie belegt diesen Trend erstmals systematisch und zeigt, dass wissenschaftliche Beiträge für Taiwan nicht Folgen politischer Schwäche sind, sondern ein Instrument internationaler Handlungsmacht. Hier steht der Artikel direkt zum Lesen bereit.
