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EU-Asien

Regulatorische Ordnung vs. distributiver Globalismus

Das EU–China–ASEAN-Dreieck im Wandel

Die Frage, wie sich die Europäische Union in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung positioniert, gehört zu den zentralen Herausforderungen der Gegenwart. Vieles deutet darauf hin, dass die klassische „rules-based order“ unter Druck steht. Doch statt eines einfachen Übergangs zur reinen Machtpolitik beobachten wir eher einen Wettbewerb unterschiedlicher Ordnungsmodelle – ein Prozess, der sich besonders deutlich im EU–China–ASEAN-Dreieck seit 2001 nachvollziehen lässt. Und um dieses Dreiecksverhältnis geht es in meinem Buchkapitel.

Originalpublikation:
Reinhard Biedermann (2025):
Regulatory Order Versus Distributive Globalism: Exploring the Emergence and Shifts in the EU–China–ASEAN Triangle.
In: Sameer Kumar (Hrsg.), Bridging Asia-Europe Relations: Shared Challenges and Opportunities.
Singapore: Springer Nature.
DOI: https://doi.org/10.1007/978-981-96-8216-4_17
Buch: https://link.springer.com/book/10.1007/978-981-96-8216-4

Ein strategisches Dreieck zwischen Europa, China und Südostasien

Seit Chinas WTO-Beitritt 2001 hat sich eine der zentralen Konstellationen der globalen politischen Ökonomie herausgebildet: das EU–China–ASEAN-Dreieck (strategic triangle).

Die Europäische Union steht für eine regulatorische Ordnung (regulatory order) – ein regelbasiertes, institutionelles Modell (rules-based order), das Transparenz, Wettbewerb und Nachhaltigkeit betont.

China verfolgt hingegen ein staats- und parteigeführtes Entwicklungsmodell, das ich – in Anlehnung an Kent Calder – als distributiven Globalismus (distributive globalism) bezeichne: ein netzwerkbasiertes, investitionsgetriebenes Modell mit starker Rolle staatlicher Akteure (state-led capitalism).

ASEAN ist dabei der zentrale Schauplatz dieser Konkurrenz – und längst kein passiver Akteur mehr.

Drei Phasen seit 2001

Die Entwicklung dieses Dreiecks lässt sich in drei Phasen gliedern:

Phase 1 (2001–2008):
Die EU dominierte wirtschaftlich. Interregionale Handelsverhandlungen mit ASEAN sollten regulatorische Standards exportieren. Sie scheiterten. China hingegen etablierte erfolgreich die ASEAN–China-Freihandelszone.

Phase 2 (2009–2017):
Die Finanzkrise schwächte Europa. China intensivierte seine Präsenz durch die Belt and Road Initiative (BRI). Die EU setzte auf bilaterale Abkommen mit einzelnen ASEAN-Staaten – ein Schritt in Richtung des hybriden Interregionalismus (hybrid interregionalism).

Phase 3 (seit 2018):
Mit der EU-Indo-Pazifik-Strategie und dem Global Gateway reagiert Europa strategischer. China gilt offiziell als „systemischer Rivale“ (systemic rival). ASEAN befindet sich nun in einer „romantischen Dreieckskonstellation“ (romantic triangle): Beide Großakteure werben aktiv um Einfluss.

ASEAN als strategischer Gewinner

ASEAN ist heute:

  • größter Handelspartner Chinas,

  • drittgrößter externer Handelspartner der EU,

  • zentrale Arena für Infrastruktur-, Digital- und Nachhaltigkeitsstandards.

Der Wettbewerb ist weniger ideologisch als strukturell: Es geht um unterschiedliche Modelle wirtschaftlicher Governance.

Die EU setzt auf Transparenz, Nachhaltigkeit und institutionelle Verfahren. China modernisiert parallel seine Freihandelsarchitektur (China–ASEAN FTA 3.0) und integriert Umweltaspekte in die BRI.

ASEAN kann in diesem Setting strategisch wählen – und gewinnt dadurch Verhandlungsmacht.

Das Buch: Bridging Asia-Europe Relations

Der Sammelband Bridging Asia-Europe Relations (Hrsg. Sameer Kumar) vereint 19 Kapitel zu geopolitischen, wirtschaftlichen und normativen Dimensionen der Beziehungen zwischen Europa und Asien.

Thematisch reicht das Spektrum von:

  • Sino-US-Großmachtkonkurrenz

  • EU–China-Strategien

  • Global Gateway und Infrastrukturpolitik

  • Freihandelsabkommen mit Korea und Vietnam

  • Nachhaltigkeit und Klimapolitik

  • Digital Governance

  • Huawei-Exklusionspolitik

  • COVID-19-Forschungskooperation

Mehrere Beiträge analysieren Machtverschiebungen, Hedging-Strategien europäischer Staaten sowie regulatorische Herausforderungen im Kontext der grünen und digitalen Transformation.

Mein Kapitel ordnet sich hier als strukturierende Makroperspektive ein: Während andere Beiträge einzelne Politikfelder oder Länder untersuchen, analysiere ich die übergeordnete Dreieckslogik zwischen EU, China und ASEAN und zeige, wie sich regulatorische Ordnung und distributiver Globalismus strategisch gegenüberstehen.

Das Kapitel verbindet Handelsdaten, strategische Dokumente und die Dreieckstheorie (strategic triangle) zu einer langfristigen Prozessanalyse seit 2001.

Fazit: Governance-Wettbewerb statt Ideologie

Das EU–China–ASEAN-Dreieck zeigt, dass die simple Gegenüberstellung „Autoritarismus vs. regelbasierte Ordnung“ analytisch zu kurz greift.

Der eigentliche Wettbewerb findet statt zwischen:

  • europäischer regulatorischer Integration

  • chinesischer netzwerkbasierter Staatsökonomie

ASEAN steht heute im Zentrum dieses Aushandlungsprozesses.

Wer Südostasien regulatorisch prägt, gestaltet die zukünftige Architektur der politischen Ökonomie im Indo-Pazifik.

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